Das Phantom der Kulturstadt
Österreich verarbeitete den Phantomschmerz des verlorenen Imperiums mit der Ausrufung der Kulturnation. Ein virtuelles Traumland ist entstanden, ein Mythos weltumspannender Hegemonie, die unter Aufbietung aller kulturellen Größen der ehemaligen Kronländer gedacht wird. Während sich österreichische Provinzstädte wie Graz und Linz mehr oder weniger erfolgreich als Europäische Kulturhauptstädte zu inszenieren versuchen, sieht Wien im Wettstreit des Städtetourismus seinen Vorteil in der Vermarktung des Kulturellen Erbes. Vieles bleibt dabei fragwürdig und verdient eine kritische Reflexion, deren theoretische Grundlage aber oft dürftig erscheint.
Seit Jahren dominiert der vermeintliche Aufstieg der Kreativen Klasse die Diskussionen zum sozioökonomischen Strukturwandel der westlichen Informationsgesellschaften. Das reicht von Tony Blair's "Cool Britannia" Creative Industries Hysterie über halbherzige sozialdemokratische Versuche, sich Veränderungen der Wertschöpfungskette im soziokulturellen Bereich zu stellen, bis hin zu konservativsten Spielarten der Kulturindustrie und einer Verschmelzung mit Hightech-Industriemonopolen.
Die Konzeption und Ideologie dieser strukturellen Bewusstseinsindustrie von Kultur und Medien entwickeln dabei unweigerlich direkte Auswirkungen auf unsere gesellschaftliche Realität. Der Einfluss auf alltägliche Lebenswelten betrifft nicht nur die Arbeitsverhältnisse. Er materialisiert sich in der Stratifizierung urbaner Räume und formt vor allem auch die hegemoniale Dominanz über informelle Bildung und Weltbilder.
Am Beispiel von Wiens Selbstverständnis als Kulturstadt - im Zeitalter der Globalisierung notwendigerweise aber mit Blick auf das weltweite Netzwerk von Städten und deren urbane Entwicklungen und Umgestaltungen - soll dem Phantom der Kulturstadt im 21. Jahrhundert nachgespürt werden.
World-Information Institute
Konrad Becker, Martin Wassermair (Hrsg.)


19.6.2008
16.4.2008